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Misslungener Ausbruchsversuch

Sind die wahren Verlierer der

US - Finanz- und Wirtschaftskrise Versicherungsgesellschaften?

 

18. November 2010

 

Wer am 25. Oktober 2010 ins Internet schaute, traute seinen Augen nicht mehr. Der erfahrene und anerkannte Journalist der Financial Times Deutschland, Herbert Fromme, hatte erbarmungslos zugeschlagen und unter der Überschrift

Misslungener Ausbruchsversuch

die Versicherungsgesellschaften als die Verlierer der Finanzkrise ausgemacht.

Man hätte vergeblich versucht,

sich durch die Übernahme von Banken in

Finanzkonzerne zu verwandeln.

Voilà, ein neuer Markt!

Unter dieser Schlagzeile begann am 01. Februar 1974 eine mehrteilige Artikelserie im Business - Magazin

Wirtschaftswoche

mit der Befürwortung der neuen Marktszene

ALLFINANZ.

Jeder wollte dabei sein und auch die Banken verkündeten damals mit stolzer Brust:

Kein Tag mehr ohne Allfinanz.

Wenn der Konsum gegangen ist, wird mit Geld - Geld verdient und dann kommt Allfinanz.

Die Euphorie war grenzenlos, obwohl vermeintlich „böse“ Kritiker bereits 1974 vom so genannten

Grauen Kapitalmarkt

sprachen und vehement vor den unkontrollierbaren Folgen warnten. So richtig begann aber alles im Jahr 1972, als die Protagonisten der so genannten

Abschreibungsbranche

im Blindflug auf ihren ersten Höhepunkt zusteuerten. Auslöser war das Entwicklungshilfe - Steuergesetz, das für den damaligen Entwicklungsminister Eppler ein

Kapitalisten - Förderungsgesetz

war und vom damaligen Finanzminister Helmut Schmidt als

etwas Unschönes

bezeichnet wurde. Lediglich der Wirtschaftsminister Friedrichs sah in der aufziehenden Entwicklung

eine hilfreiche Sache“.

Das Gesetz führte dazu, dass bereits im Jahr 1972 mehr als eine Milliarde DM von Kleinanlegern zur Erlangung von Steuervorteilen eingesetzt wurde. Das private Geldvermögen der deutschen Bevölkerung belief sich 1972 auf rund 645 Milliarden DM. 18 Jahre später waren es schon runde 3 Billionen DM, also

3.000 Milliarden Deutsche Mark.

Wer diesen Markt damals nicht beackerte, galt als rückständig und dumm. Die Idee, Analysen von Anlage – Angeboten zu erstellen, war geboren. Die damaligen Chefredakteure der Wirtschaftswoche, Claus Jacobi [ danach bei der Welt am Sonntag ] und Paul C. Martin [ danach Bild und heute freier Publizist ] bejubelten diesen neuen Markt. Ihre Schlagzeile

Voilà, ein neuer Markt

war quasi der Startschuss für ein

Schattenbankmodell

ohne Beispiel. Besonders der Schüler von Milton Friedman, Paul C. Martin, schrieb die private Kapitalanlage in eine nie vorher gekannte Mega - Dimension. Headlines, Schlagzeilen und Überschriften in den Fachmagazinen Capital oder Cash überschlugen sich. Oftmals war es zu lesen:

Heute kennt es jeder - sichere Kapitalanlage beginnt bei der deutschen Lebensversicherung“.

Gemäß der Meinung von Herbert Fromme ist der Versuch kläglich gescheitert. Systembedingt waren traumhafte Gewinne, wie sie im Bankensektor ständig heraus posaunt wurden, kaum möglich. Insbesondere bei Lebens- und Krankenversicherern sammelten sich im Laufe von Jahrzehnten etliche Milliarden Euro aus langfristigen Rücklagen und Reservepositionen an. Nach einem vorgegebenen Schlüssel waren diese Kundengelder stets mündelsicher anzulegen. Insofern stimmten die damaligen Schlagzeilen über die

deutsche Lebensversicherung.

Verantwortungsbewusste Versicherungsmanager handelten danach und erfreuten sich in Zinshochphasen an der Zinsdifferenz. Überschritt diese nämlich den zugesagten Zinssatz für Kunden, so konnte man aus der Zinsdifferenz hervorragende stabile Gewinne erzielen. Extrem hohe Gewinne, wie sie in den zurückliegenden Jahren von Banken Fondsgesellschaften verkündet wurden, waren allerdings für die Versicherungsgesellschaften nicht möglich. Deshalb galt das gesamte Versicherungsgeschäft bei Börsen - Zockern und Finanz - Spekulanten als ödes und langweiliges Geschäft. Mit Immobilien, Aktien und Festgeldern waren die Versicherer zunächst nicht in der Lage, die extrem gefährlichen Credit Defaults Swaps [ CDS ] - Geschäfte zu handhaben. Die international tätigen Banken kontrollierten dagegen das Finanzgeschäft mit ihren aufgebauten „speziellen“ Transaktionssystemen. Das war bis zum Jahr 2000 vermeintlich sicher und brachte vorgeblich traumhafte Gewinne. Viele Banker glaubten sogar zeitweise, dass die heiße Phase in den globalen Finanzmärkten niemals ein Ende findet. Wie so oft unterschätzten die meisten Banker die schlimme Dynamik der Immobilienkrise in den USA. Denn ab 2005 steuerte diese Krise nach den Crashs in 2000 unaufhaltsam auf ihren Höhepunkt zu. In den Monaten September und Oktober 2008 krachte es auch heftig im Gebälk der größten US - Hypothekenfinanzierer Fannie und Freddie. Bereits am 07. September 2008 stellte die US - Regierung beide Hypothekengurus unter staatliche Obhut. Insgesamt betrugen die aufgelaufenen Verluste von Fannie und Freddie zu diesem Zeitpunkt satte

14,9 Milliarden US - Dollar.

Fannie und Freddie hockten aber auf faulen Wertpapieren und sonstigen Krediten von

5.000 Milliarden US - Dollar

[ 5 Billionen US - Dollar ],

das ist die Hälfte des jährlichen Bruttosozialprodukts der USA, fest. Damit das weltweite Finanzsystem nicht sofort kollabieren musste, entschloss sich die US - Regierung eine „kleine“ Finanzspritze von insgesamt 200 Milliarden US - Dollar als Soforthilfe in den Zockerring zu werfen. Es war somit in der aufziehenden US - Finanz- und Wirtschaftskrise die erste nennenswerte Notoperation durch die Politiker in Washington. Das war eine äußerst mutige Tat, obwohl innerhalb weniger Tage jeglicher Optimismus an den Finanzmärkten wieder verflogen war. Denn der brisante Markt

Credit Defaults Swaps

[ CDS ]

blieb auch weiterhin eine sehr laut tickende Zeitbombe.

Das Hauptproblem damals wie heute:

Man wusste überhaupt nichts über die tatsächliche finanzielle Lage des

Schattenbankmarktes,

in dem sich inoffizielle Pseudobanken, Hedgefonds und Investmentbanken tummelten und bankähnliche Geschäfte verfolgten. 2008 bestand genau wie heute das latente Risiko eines Totalzusammenbruchs des globalen Finanzsystems. 

Die größte Schwierigkeit damals wie heute:

Man kannte das Risiko, man kannte die große Gefahr, aber man konnte die Schaden- oder Handelssumme nicht annähernd beziffern. Selbst alle Notenbanker, die normalerweise über einen guten Informationsstand verfügen, waren hilf- und machtlos. Die Investmentbanken waren die Hauptakteure der Finanzkrise, quasi die

Könige des unregulierten Schattenmarktes.

Sie waren das wichtigste Bindeglied zu den Hedgefonds. Lehmann Brothers war neben Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch zum damaligen Zeitpunkt noch der größte Akteur in der Szene.

Das Hauptproblem damals wie heute:

Das äußerst gefährliche Grundproblem der Investmentbanken, wie natürlich auch vieler normaler Geschäftsbanken, ist und war eine zu geringe Kapitalausstattung im Verhältnis zu den Risiken, die sie eingegangen sind. Denn ihre ausgewiesenen Vermögen hielten und halten diese Banken in der Form von zweifelhaften Wertpapieren, für die es damals wie heute keinen Markt mehr gibt. Darum wurden Anfang September 2008 die ersten so genannten

BAD BANKS

eingerichtet, mit dem Ziel, den noch „guten“ vom „faulen“ Teil der Bank zu trennen. Denn zusammen mit dem „faulen“ Teil wären die betroffenen Banken sofort insolvent.

Inwieweit jemals die „faulen“ Teile verkauft werden können, steht in den unendlichen Weiten des Universums geschrieben. Die Zentrale Idee einer BAD BANK liegt darin, die Schwerkraft ohne „ALL“ zu überwinden. Noch klammern sich alle Banker verzweifelt an diese Idee, denn eine andere haben sie nicht. Die

American International Group

[ AIG ]

ist nach der deutschen Allianz die zweitgrößte Versicherung der Welt. Im Gegensatz zur Allianz war die AIG einer der „fleißigen“ Hauptakteure in den zweifelhaften Kreditmärkten der  

Credit Defaults Swaps

[ CDS ].

Eine vorzeitige Pleite der AIG würde damals wie heute den Totalzusammenbruch dieses Marktes zur Folge haben und ist dadurch immer noch der mögliche Auslöser für den globalen Kollaps des gesamten Finanzsystems. Aus dieser Sicht betrachtet, hätte der FTD - Journalist Herbert Fromme völlig Recht, wenn er von einem

Misslungenen Ausbruchsversuch

spricht. Dieser Ausbruchsversuch der AIG aus der Enge des Kerngeschäftes einer seriösen Versicherungsgesellschaft ist gründlich misslungen. Die AIG konnte nur mit sofortigen Staatshilfe in Höhe von

183 Milliarden US - Dollar

gerettet werden. Bei der Allianz entschloss man sich offensichtlich zu einem Notverkauf der Dresdner - Bank an die Commerzbank, die bald darauf selber staatliche Hilfe brauchte.

Doch wer lockte die

Versicherungsmanager auf das dünne Finanz - Eis?

Waren es nicht die

Investmentbanker mit ihren unhaltbaren Versprechen?

Waren es nicht die

Fondsmanager mit ihren Zusagen von traumhaften Renditen?

Die Versicherungskonzerne wollten nur nicht hintenan stehen und haben vertrauensvoll in Geschäfte investiert, von denen selbst viele Banker oder gar Fondsmanager nicht das Geringste verstehen. Nach groben Schätzungen der USA hat noch heute der Gesamtmarkt aller CDS - Papiere die Größenordnung von

67 bis 72 Billionen US - Dollar.

Oder

67.000 bis 72.000 Milliarden US - Dollar.

Oder

67. 000.000.000.000 bis 72. 000.000.000.000 US - Dollar.

Bei so vielen Nullen wird den meisten schwindelig. Denn der vorgenannte Wert entspricht der Größe des Bruttosozialproduktes der gesamten Weltwirtschaft. Sie lesen richtig, genau so viel wurde bis heute von allen Akteuren gehandelt. Und genau „DAS“ ist ein Damoklesschwert, das über der gesamten Bankenwelt noch immer schwebt.

Gehalten von nur einem seidenen Faden.

Auch sind durch die BAD BANKS die Risiken nicht kleiner geworden, sondern eher größer. Noch immer begehen die Akteure den klassischen Fehler, das Gesamtrisiko systematisch zu unterschätzen.

Kleinreden schafft keine Abhilfe.

Was allen Banken fehlt, ist frisches Geld. Das möchte man sich dort holen wo es noch vorhanden ist, bei aktuellen und zukünftigen Rentenbeziehern, Selbständigen, Freiberuflern, Handwerksbetrieben und mittelständischen Unternehmern. Deswegen benoten die Ratingagenturen die Versicherer schlecht, um gleichzeitig die Finanzinstitute hochzujubeln. Ausschließlich deshalb werden die Geschäftsmodelle der Versicherungswirtschaft diskreditiert. Das Stahlkorsett mit dem Namen Solvency II dient dem Schutz der Kunden und die neuen Eigenkapitalregeln bieten große Sicherheit. In einem einzigen Punkt kann man Herbert Fromme beipflichten:

Den meisten Versicherungsgesellschaften fehlt ein überzeugendes Marken- und Produktsystem, wie es der DRSB vorhält, das auch seriöse Anleger weltweit überzeugt. Für 1,3 Milliarden Euro obsolete Strukturvertriebe [ z.B. AWD ] kaufen, gehört zur unrühmlichen Geschichte der Assekuranz. Swiss Life so wie andere große Versicherer, wie zum Beispiel die Allianz, sind nach dem Abenteuer

Credit Defaults Swaps

[ CDS ]

in Schockstarre verfallen und werden höchstwahrscheinlich in ihren Kerngeschäften weiter unnötig Marktanteile verlieren.

Hierin aber liegt zukünftig die tatsächliche Herausforderung für die deutsche Versicherungswirtschaft, die keinesfalls zu den großen Verlierern der US - Finanz- und Wirtschaftskrise gehört. Möglicherweise überschlagen sich zum Ende des Jahres erneut die Ereignisse im globalen Finanzmarkt. Erst danach wird sich zeigen, wie stabil einige Banken in unserer Heimat ohne staatliche Rettungsschirme sind. Deshalb lohnt es sich, die Geschichte und die Logik des

Schattenbankmarktes

genau zu durchleuchten, damit weitere Gefahren von den Menschen in unserer Heimat fernzuhalten sind. Denn die Ursachen für den Absturz der

Credit Defaults Swaps - Raketen

liegt in der Fehlkonstruktion der untauglichen Modelle selbst. Die Finanz - Modelle waren aufgrund der vielen erkennbaren Fehler, zum Absturz vorprogrammiert. Dass  sich der so genannte Markt der

ALLFINANZ

rund 38 Jahre in ständig abgewandelter Form auf den Anlagemärkten behaupten konnte, grenzt aus heutiger Sicht an ein Wunder. Denn kritisch betrachtet, sind

Credit Defaults Swaps

keine echten Bank- oder Finanzprodukte, sondern vielmehr eine Weltanschauung für

Börsen - Zocker und Finanz - Spekulanten.

 

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Stand: 18.11.2010

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